Fukushima lebendig halten

12.03.2019

Auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein bereist eine kleine Delegation aus Fukushima Schleswig-Holstein und berichtete vor Schülerinnen und Schüler der 10-ten Klassen der Eichenbachschule Eggebek und der Alexander-Behm-Schule Tarp im Bildungshaus Treene in Tüdal/Eggebek über die katastrophalen Folgen des Reaktorunglücks vom 11. März 2011 und den Umgang der japanischen Politik und Gesellschaft damit.

Zu der Delegation gehört Frau Kusano mit ihren beiden 16 und 11 jährigen Söhne, die eingangs erklären, dass sie diese Namen als Pseudonym verwenden, da sie bei Angabe ihres richtigen Namens Repressalien in Japan befürchten müssen. Bereits diese Eröffnung löste Erschrecken und Unverständnis bei den jungen Zuhörern aus, dass bei der Schilderung des 16-jährigen Sohnes sich noch vertieft. Bis zum Reaktorunglück in 2011, das durch ein Erdbeben vor der japanischen Pazifikküste mit anschließendem Tsunami ausgelöst wurde, lebte er 50 km entfernt von Fukushima und wuchs dort als Kind in einer intakten Natur und Umwelt auf. Er spielte draußen, konnte im Meer baden, im Wald Pilze sammeln und im Garten Obst und Gemüse ernten und essen. Seit dem 11. März 2011 ist dieses Leben vorbei für ihn und seinen 11-jährigen Bruder. Die Familie ist vor der Verstrahlung geflüchtet und lebt jetzt in Behelfsbaracken in der Nähe von Tokyo. Da ihr Wohnort knapp außerhalb der willkürlich festgelegten Evakuierungszone liegt, die Verstrahlung aber auch dort erheblich war, musste die Familie ihre Flucht selbst organisieren.

Dort lebt die Familie auch heute noch, acht Jahre nach dem Unglück.

Bedrückend und belastend ist für den 16-jährigen aber nicht nur der Verlust seines Zuhauses, sondern in gleichem Maße die Ausgrenzung und die Ungerechtigkeiten, die er als Fukushima-Flüchtling in der japanischen Gesellschaft erleidet. Die japanische Politik verharmlost die Zustände in Fukushima mit der verheerenden Verstrahlung des Bodens und des Wassers, da der Betreiber (Tepco) der Atomkraftwerke ein Staatsbetrieb ist und Japan an der Atomkraft als wichtigsten Energieträger auch für die Zukunft festhält. Daher werden Menschen, die auf die Verstrahlung der ganzen Region von Fukushima und die Gefahren der Atomkraft hinweisen, als Lügner und Feinde der Gesellschaft abgestempelt, was im täglichen Leben zu Mobbing und

Ausgrenzung führt.

Den emotionalen Beitrag ihres Sohnes ergänzte seine Mutter mit Fakten über Messergebnisse, die von staatlichen Stellen nur für den Bereich der Evakuierungszone vorgenommen werden und heute noch erhebliche Grenzüberschreitungen ausweisen. Man hat zwar großflächig verstrahlte Erde abgetragen und bei extremen Temperaturen verbrannt, für die stark kontaminierte verbleibende Asche und Schlacke gibt es noch keine sichere Lagermöglichkeit. Die Strahlenbelastung außerhalb der 30-km Evakuierungszone ist ebenfalls noch erheblich, wird aber von staatlichen Stellen ignoriert. Trotzdem werden die über 150.000 Flüchtlinge, die nach dem Super-Gau die Region verlassen haben, gedrängt, wieder in die Region zurückzukehren und damit wieder ein Bild der Normalität entstehen zu lassen. Dabei ist bereits jetzt die Anzahl der Schilddrüsenerkrankungen bei Kindern aus der Region drastisch gestiegen.

Abschließend erzählt Frau Kusano eine für die Schülerinnen und Schüler aus Eggebek und Tarp eine in zweifacher Hinsicht beeindruckende Geschichte. Nach Ende der Ferien gingen die Scvhüler am 1.April 2011 auch in der Region um Fukushima außerhalb der Evakuierungszone wieder in ihre Schulen. Da es zu den Aufgaben der Schülerinnen und Schüler in Japan gehört, ihre Schule selbst zu reinigen, gehörte dies auch zu ihren Aufgaben zum Schulstart. Die Schüler reinigten die stark verstrahlten Schulgebäude und man stellte bei anschließenden Messungen der Staubsaugerbeutel erhebliche Grenzwertüberschreitungen fest.

Nach den Schilderungen der Betroffenen konnte man in viele nachdenkliche Gesichter der Schülerinnen und Schüler blicken.


(Klaus-Dieter Rauhut)

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Fukushima lebendig halten